fremd.gut

Auf dieser Unterseite des melanch.ton-blogs sollen große Dichter zu Wort kommen. Gestalten, die wohl tiefer in die menschliche Seele geblickt haben als es den meisten Sterblichen zugemutet wird.

Stufen

Wie jede Blüte welkt
Und jede Jugend dem Alter weicht,
Blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten!

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt,
So droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden:
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

- Hermann Hesse

Sphinx

Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen,
In starrer Hand das heiße Rohr von Stahl.
Die Menge gaffte. – Bis der Rettungswagen
Sie brachte in das gelbe Stadtspital.

Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen …
Kein Brief, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal;
Dann kam der Arzt mit seinen leisen Fragen
Und dann der Priester. – Sie blieb stumm und fahl.

Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,
Gestehn… Doch niemand hörte sie im Saal.
Ein Röcheln. – Dann ward sie herausgetragen,
Sie und ihr Schmerz. – Und draußen steht kein Mal.

- Rainer Maria Rilke


Gottes Wege

Erscheinen meines Gottes Wege
Mir seltsam rätselhaft und schwer,
Und gehen Wünsche, die ich hege,
Still unter in der Sorgen Meer,
Will trüb und schwer der Tag verrinnen,
Der mir nur Schmerz und Qual gebracht,
So darf ich mich auf eins besinnen:
Dass Gott nie einen Fehler macht.

Wenn über ungelösten Fragen
Mein Herz verzweiflungsvoll erbebt,
An Gottes Liebe will verzagen
Weil sich der Unverstand erhebt,
Dann darf ich all mein müdes Sehnen
In Gottes Rechte legen sacht
Und leise sprechen unter Tränen:
Dass Gott nie einen Fehler macht.

Drum still mein Herz und lass vergehen,
Was irdisch und vergänglich heißt,
Im Lichte droben wirst du sehen,
Dass gut die Wege, die er weist.
Und müsstest du dein Liebstes missen,
Ja ging’s durch kalte, finstre Nacht,
Halt fest an diesem sel’gen Wissen:
Dass Gott nie einen Fehler macht!

- Stalingrad, 1943. Verfasser unbekannt

An Emma

Weit in nebelgrauer Ferne
Liegt mir das vergangne Glück,
Nur an einem schönen Sterne
Weilt mit Liebe noch der Blick;
Aber wie des Sternes Pracht,
Ist es nur ein Schein der Nacht.

Deckte dir der lange Schlummer,
Dir der Tod die Augen zu,
Dich besäße doch mein Kummer,
Meinem Herzen lebtest du.
Aber, ach! Du lebst im Licht,
Meiner Liebe lebst du nicht.

Kann der Liebe süß’ Verlangen,
Emma, kann’s vergänglich sein?
Was dahin ist und vergangen,
Emma, kann’s die Liebe sein?
Ihrer Flamme Himmelsglut,
Stirbt sie wie ein irdisch Gut?

- Friedrich Schiller

Was nützt die Liebe in Gedanken?

Dies Buch trägt die Ergüsse deiner Seele.
Mein Sohn, du bist poetisch angehaucht.
Zwar sind die Reime ohne Fehle,
doch die Gedanken sind in Finsternis getaucht.

Auch scheint es mir, da du noch jung an Jahren,
Dass dein Erleben in der Liebe nur erträumt.
Ich fürcht’, du bist darin noch reichlich unerfahren.
Beeile dich, du hast schon viel versäumt.

Ein Mädel wird sich schön bedanken,
Wenn deine Glut nur aus Gedichten spricht.
Was nützt die Liebe in Gedanken?
Kommt die Gelegenheit, dann kannst du’s nicht.

Doch ist das noch kein Grund, sich zu erschiessen.
Die Kugel spare Dir zu anderm Zweck.
Auch würden viele Tränen fliessen,
Das lohnt sich nicht, für solchen Dreck.

- Hilde Scheller


Uns trennt das Leben

Und wie oft hast du schon die Nacht mit einem Helden verbracht?
Und bist am nächsten Morgen neben dem Teufel erwacht?
Ich stand am Rand deines Bettes und war ziemlich verranzt,
Doch ich hatte längst meinen Samen in dein Hirn gepflanzt.
Mein Bewusstsein blieb am Schweben und mit jedem Atemzug
Krieg ich vom Leben nicht genug. Kontrolliere meinen Flug,
Verharrte einen Moment, wundervoller Augenblick,
Der die Schönheit deiner Welt durch meine Augen schickt
Und dennoch zieht mich mein Weg weiter und dich von mir weg.
Du vergräbst, was war unter deinem toten Haar.
Ich frag’ mich jeden Tag, wirst du mir jemals vergeben?
Du bist bei mir. Uns trennt das Leben.

Das hier geht an alle, die mir ihre Liebe gaben.
Es war schön ein Stück davon gehabt zu haben.
Das geht raus an alle Leute, die ich geliebt.
Es ist schön, dass es euch gibt, ja.
Das hier geht an jeden, der mir zu nahe stand
Und von mir verletzt wurde durch das, was uns verband.
Jetzt trennt uns das Leben und doch:
Ich lieb dich immer noch.

Ich war die Zukunft für dich doch das ist jetzt Vergangenheit.
Und ich schätze ein: Tut mir Leid, tut’s nicht mehr.
Du warst so voller Erwartungen. Ich war so leer.
Du hingst so sehr an mir, wir wurden zu schwer.
Ich ließ ein paar Federn, es half sicher nicht.
Ich schrieb: Liebe dich! Und ich liebe dich.
Ich werde meinem Karma folgen, ich kann in die Zukunft sehen.
Lass es dich nicht zerstören, lass uns auf die Liebe schwören!
Schick die Dämonen in die Hölle, wo sie hingehören.
Im Glauben daran, dass nichts bliebe
Ohne die Liebe.

Das hier geht an alle, die mir ihre Liebe gaben.
Es war schön ein Stück davon gehabt zu haben.
Das geht raus an alle Leute, die ich geliebt.
Es ist schön, dass es euch gibt, ja.
Das hier geht an jeden, der mir zu nahe stand
Und von mir verletzt wurde durch das, was uns verband.
Jetzt trennt uns das Leben und doch:
Ich lieb dich immer noch.

Was würden wir erfahren, wenn wir alles vorher wüssten?
Vielleicht brach ich dein Herz, als wir uns küssten.
Doch vielleicht bist es du, die unserer Liebe diesen Tritt verpasst,
Wenn du bereust, dass du mich je getroffen hast.
Und vielleicht ist es ein Gesetz, das es in deinem Leben gibt,
Dass man für jeden Tag im Himmel einen in der Hölle kriegt.
Doch es gibt alles im Leben nur einmal und wenn es nicht so wäre,
Ich würd dich noch mal lieben und zwar doppelt so sehr.

Das hier geht an alle, die mir ihre Liebe gaben.
Es war schön ein Stück davon gehabt zu haben.
Das geht raus an alle Leute, die ich geliebt.
Es ist schön, dass es euch gibt, ja.
Das hier geht an jeden, der mir zu nahe stand
Und von mir verletzt wurde durch das, was uns verband.
Jetzt trennt uns das Leben und doch:
Ich lieb dich immer noch.

- Thomas D

Herbstlese

Komm in den totgesagten Park und schau.
Der Schimmer ferner lächelnder Gestade.
Der reinen Wolken unverhofftes Blau
Erhellt die Weiher und die bunten Pfade.

Dort nimm das tiefe Gelb. Das weiche Grau
Von Birken und von Buchs. Der Wind ist lau.
Die späten Rosen welkten noch nicht ganz.
Erlese, küsse sie und flicht den Kranz.

Vergiss auch diese letzten Astern nicht.
Den Purpur um die Ranken wilder Reben.
Und auch was übrig blieb von grünem Leben
Verwinde leicht im herbstlichen Gesicht.

- Stefan George

Das Göttliche

Edel sei der Mensch
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im großen,
Was der Beste im kleinen
tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff’ er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen.

- Johann Wolfgang von Goethe

Der Einsame an Gott

Einsam stehe ich, vom Wind gezerrt,
Ungeliebt und verlassen
In der feindlichen Nacht.
Schwer ist mein Gemüt und voll Bitterkeit,
Wenn ich Deiner gedenke,
Blinder Gott, der voll Grausamkeit
Immer das Unbegreifliche tut.

Warum lässest Du, wenn Du die Macht hast,
Warum lässest Du Hunde und Säue
Eines Glückes genießen, das nie
Dem verschmachtenden Edleren wird?
Warum peitschest Du mich, der Dich liebte,
Jagst mich alleine durch die Nacht,
Warum raubst Du mir alles,
Was Du doch jedem Erbärmlichen gönnst?

Selten hab ich geklagt, und seltener
Dir im Unmut geflucht,
Jahrelang in gläubiger Priesterschaft
Lebte ich Dir, nannte Dich Herr und Gott,
Sah in Dir meines Daseins Kron und Sinn;
Immer ging ich, ob auch im Dunkeln oft,
Tastend dem Guten nach, immer war Liebe,
Immer Güte und Reinheit mein hohes Ziel.
Dennoch hast Du, der meinen Feinden schmeichelt,
Niemals mir einen einzigen Traum,
Eine einzige Bitte erfüllt!
Niemals kannte ich andres als Kampf und Arbeit,
Während drüben im Hause der Fröhlichen
Laute und Tanz und süßer Gesang erscholl.
O und wie hast Du, mein Peiniger,
Wenn ich einmal in blinder Hoffnung
Zärtlicher Liebe mein Herz voll Vertrauen bot,
Wie hast Du mit Spott und Verachtung mich überschüttet,
Dass ich grimmig entfloh, vom Gelächter der Frauen verfolgt!

Einsam nun und ohne Glauben an Glück,
Schlaflos bei Nacht und am Tag voller Zweifel
Geh ich gottlos durch diese Welt,
Mir zur Qual und Dir zur traurigen Schande.
Trotzdem, o Gott, wenn auch Dein Finger tief
Und voll blinder Wollust in meiner Wunde wühlt,
Trotzdem sollst Du mich nicht verzagen,
Nicht im Staube knien und weinen sehen.
Denn Dein heimlicher Wunsch, Grausamer,
Tönt ja doch unbesiegbar im Herzen mir,
Und das Leben zu lieben,
Und das sinnlose Leben wild und sinnlos zu lieben
Hab ich in aller Verfolgung
Aller Versuchung niemals völlig verlernt.
Dich auch und Deine launischen Wege
Liebt mein Herz, indem es Dich trotzdem höhnt.
Ja, ich liebe Dich, Gott, und ich liebe
Heiß die verworrene Welt, die Du schlecht regierst.

…Horch! Von drüben, wo die Fröhlichen sind,
Weht mir Lied und Gelächter,
Weiberschrei und silbernes Bechergeläut.
Aber mit tiefer Wollust,
Süßer und trunkener glüht als diesen Genügsamen
Mir die Liebe zum Leben
In der glücklos hungernden Brust.
Und ich schütte zornig
Aus den schlaflosen Augen die Müdigkeit,
Trinke Nacht und Wind, Sternschein und Wolkengebirg
Gierig mit atmenden Sinnen
In die unersättlich Seele ein.

- Hermann Hesse