nach.lass

Juni 2, 2008 - Comments Off

es ist ein wort nur, das ich euch lass zurück.
eine frage, um genau zu sein.
ist sie sich antwort auch zugleich.

sie pochte mir mit jedem atemzug,
mit jedem herzschlag, den ich tat.
in jeder zelle brannte
sie mich aus bis ihr
mich tot nun liegen saht:

warum?

ich hielt’s nicht aus und geb sie nun
an euch, die ihr noch lebt.
nur so begreift ihr dann - wer weiss,
einer vielleicht einmal versteht -
das warum des warums.
mein tod im blanken nichtverstehn.

engels.gleiche

Mai 6, 2008 - Comments Off

der himmel ist zerbrochen.
ein engel - dort! - verloren fällt.
noch nie verspielte teerplatzkinder
steh’n stumm am ende eurer welt.

seht das meer, es ist entflammt.
von dem sie einst die liebe tranken.
der anblick ist so wundersam enstellt
wo erdensäulen donnernd wanken.

zitternd bebt das trockne land,
auf dem die füss’, die blanken,
selbst starke krieger auf dem weg nicht hält,
da sie am lebenssinn erkrankten.

rauch und schwefel kommen auf,
die luft verbrennt. die todgeweihten danken.
denn triste einsamkeit hat sich gesellt
zu denen, die sich längst abwandten.

einst ward er voll der äther:
voll hoffnungsvollem streben.
doch fällt der tief, der hoch sich weiß;
weil sie so sind: dies gottes regeln.

jetzt weint und liegt in meinem schoss
ein engel mit gebrochnem flügel.
beklagt sein ungeschick. ist all dies bloß
ein böser traum genährt von toter liebe?

flüsternd dringt sein wort zu mir.
ganz leise wiegt er nur, sein klang.
doch wenn der himmel einmal brach
tritt ein, zeit, in der ew’gen bann.

so musst’ der horizont erst brechen,
damit der wunsch sich alt erfüllt.
denn schmerzverzehrt erblickt das paradies
wer fühlt, was nur ein engel fühlt.

schlafes bruder

Mai 5, 2008 - Comments Off

die seele krankt im talgrund unten
allein im alten hirtenbau.
das lufttuch, es zerfällt
in modernd feuchte fetzen.
verfault, verschimmelt und zersetzt
vom steten tau, der von den steilen gipfeln
ungetrübter ideale hinunterrinnt in seichten salen.

nicht heut zum ersten mal
tritt licht heran durch morsche ritzen
ins sonst beherrschte schattendunkel,
in das die trauernde sich kroch,
um endlich abzuschließen
und unentdeckt den ewgen lebensabend
im sterbenstreben zu erleben.

doch heut erweckt der lichteinfall
so ungewohnt, so liebevoll
mit einem sanften streich
die graue stirn der alten seel,
die längst sich aufgegeben,
und ihren müden geist
aus fett und aus jahrhunderttalg
und bricht sie auf -
selig, still und sacht -
durch kaum ein hölzern spalt.

und doch mischt sich der garstge graben
hinein in dieses lichtes lied.
der spalt, der nie versiegt und nicht
durch kampf, noch kraft, noch denkgewalt
bis heute ward bezwungen.
der spalt der sich auftut sobald
bewusstsein je beginnt,
der schmerzhaft uns erkennen lässt
des schicksals schwarz gefärbten pfeil
im dickicht menschlich irriger erfahrung
und letztlich stets gewinnt.

so schlaf ruhig weiter, tote seel,
und sei gewiss: du wirst nie frieden finden
bis in den tag, der aller tage abend.
doch tröste dich an ursprung und am ziel,
das dich selbst nicht vergisst
im talgrund drunt versteckt,
aus angst vor tiefster höh.

le ere

Mai 4, 2008 - Comments Off

was leere ist?
alles nichts.

spüren dich zu jeder zeit,
weil wir das loch erahnen,
das sich verbirgt
unter dem scheingespinst
des sinnes eitler keit

menschlich existent
zu sein
und zugleich nicht
zu leben.
den kampf aufs neue
jeden tag
in uns selber
aufzunehmen

ist nicht je verdrossen einer,
gesalbt vom dunklen tropfen,
durchbohrt vom toten stachel,
der fortan wetzt und niemals ruht -
verloren in der zeit,
dem wahnsinn stets erlegen

ihr ausgesetzt,
der fremden macht,
die blutig in uns rührt
und grell das licht
dich suchen lässt
in augen eines blinden

was treibt dich um, mensch,
dass du so lange schon
fliehend nicht erkennst,
dass leere dir
bestimmung ist.
der grund des grunds,
von dem zu träumen
du nicht wagst

erkenn dich selbst
und blicke in die tiefe.
wenn es dann schmerzt,
wirst du verstehn,
dass du dich hast gefunden
im all des alles nichts

ein bisschen tod

Mai 3, 2008 - Comments Off

komm, lass uns nach draussen geh’n.
die sonne scheint. ja dein gesicht,
so schön war es seit langem
verhalten glitzert abends
seidenfadnes herbstgoldlicht.

tief sinkt sie dieser tage,
tiefer als es damals war,
dort unten bei dem ruderboot.
riechst du den moder morscher bohlen,
wo weidenruten grün das wasser tränken,
die spieluhr, die vergessen von der zeit
das altehrwürdig, lieblich lied
durch deine mädchenhaften finger dreht?

wenn still man tags der dämmrung lauscht,
vermag man heute noch
dein unbeschwertes lachen
zu vernehmen, von dem
hier alles zeugt, von dem
dein zauber spricht.
dein zauber für die ewigkeit.

du standst auf königlichen steinen,
dein puls liess unsre schlefen glühn,
und tratst - ich trau
mich kaum das goldne bild
hervorzuholn, mein schatz,
mein kostbarst einzger, heran an mich
mit deinem blick,
der stumm sanft werden liess
dich und mich und alles, was da war.

es ist, ich weiss,
der preis, den jede schönheit fordert:
ein bisschen tod. von dem ich trank und der
alsbald mich süchtig macht.
und du, du liegst und siehst
mich an am hölznern grund.
die ruder weit enfernt
wie damals voller glück
und lächelst immer noch -
bezaubernd mit bedacht.

dies.irae

Mai 3, 2008 - Comments Off

gleich einem blatt fällt uns das leben

vom himmel zu bei der geburt.

noch ist es weiss, obgleich der rahmen vorgegeben

von jeher stamen raum und zeit.

alsbald beginnt von selbst zu schreiben

noch unbeschwerter menschen kind.

erst zitternd, zaghaft, schwankend, krumm,

die ersten linien im versuch.

allmählich füllt sich bunt die seite,

die ihm beschert im lebensbuch.

 

dann hällt es inne, blickt zurück

auf manchen klecks und kreisel.

schaut um sich, dreht sich – wahn! – verrückt.

denn du siehst nicht, ob’s dir geglückt.

allein der andern lebensbilder

kannst deuten – bildest du dir ein.

doch wisse, kluger zeichendeuter,

die wahrheit bleibt bewusst geheim.

stehst du doch stets in deinem bilde,

auf dem verwurzelt der verstand,

so dass sich unverhüllt nie zeigt

kunst und genie des fremden geist.

 

doch nicht einmal das eigne leben

zu sehen in der formen rein

ist dir vergönnt, da du gefangen

im rahmen, der dich ganz schliesst ein.

 

so bleibt am ende nur die sehnsucht,

von der erfüllt du schliesslich hauchst

den letzten atem bei dem strich;

damit dich dann am tag des todes

dein lebensblatt vollendet schaut,

von dem einst eins dem andern glich.

 

doch sei gewarnt, mensch, übe demut

und fürchte nicht des dunklen glanz.

am tag des todes fällt die täuschung,

fällt eitler augen trugdistanz.

am tag des todes tauchen nämlich

auch weisse bilder tief in schwarz.

wa.sting

Mai 2, 2008 - Comments Off

wenn alles leben sterben ist
und alles sterben leben
was nützt dann unser lärmen?
verstrichen ist die frist.

wir streben, hasten sorgend
stets neu um unser wohlgemach.
vergessend im verdrängen,
dass nichts bestand doch hat.

wenn fliehend du den tag verschwendest -
die nacht um wie viel mehr -,
weil anders du nicht kannst,
was macht es dann so schwer,
dein leben heute nacht zu pfänden?
dein alles für ein kurzes nichts zu geben,
wo das doch immer gilt.

ich fragt’ dich dies ganz leise,
als du noch selig schliefst.
auf deine eigne weise
kamst du in meinen geist und riefst
laut aus wir sollten’s lassen
und von einander gehn,
eh’ die träum verblassen –
so träum ich nun allein im schnee.

dem schnee der hohen gipfel,
zu denen ich aufbrach,
um mich verschwendend dich
zu finden. weit weg, obwohl
einst du so nahe
gedankenschwer bei mir wach lagst,
hast du es nicht bemerkt,
dass nichts mir all das galt, was
teuer wir verschwenden,
da es so kostbar einzig
in seiner fülle nicht erkannt
alltäglich fast und peinlich.
und die berührung einer hand,
ein anblick grauer stare
macht es uns erst bewusst,
dass jedes bild so wertvoll
wie trennungsschmerz den kuss.

all das durft ich einsehen
und will es doch hingeben.

für dich mein du –
verschwende ich mein leben.